Die erste Klassenfahrt

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  • Im Oktober 2012 stand für unseren Sohn René die erste Klassenfahrt an. Zu diesem Zeitpunkt war er schon neun Jahre alt und wusste genau, was er als PKUler essen darf, was es mit dem Abwiegen auf sich hat, wie die Aminosäurenmischung zubereitet wird und wie man das Ernährungsprogramm auf dem Handy bedient. All das hat er in den letzten Jahren Schritt für Schritt erlernt.

    Alles in allem, war er schon gut auf diese Klassenfahrt vorbereitet, ehe der eigentliche Termin überhaupt bekannt war. Die Jugendburg Sensenstein ist nur wenige Kilometer von unserem Wohnort entfernt und so beschlossen wir, zwei Wochen vor der Klassenfahrt einmal dorthin zu fahren. Telefonisch bereitete ich den Küchenchef schon einmal darauf vor, dass unser Kind eine PKU hat und wir vereinbarten einen Termin. Es war gut, dass ich René zu diesem Termin mitnahm, denn er durfte entscheiden, wie der Speiseplan für die Woche der Klassenfahrt zusammengestellt war. Zudem finde ich es wichtig, dass ein Kind mit PKU in diese Dinge mit einbezogen wird, um die Selbständigkeit und auch die Selbstverständlichkeit, mit PKU zurechtzukommen, gefördert wird.

    Der Küchenchef der Jugendburg präsentierte mir am Anfang unseres Gespräches alle Unterlagen, die er im Internet über die Ernährung bei PKU zusammengestellt hatte, und er versuchte alles möglich zu machen, um unserem Kind eine schöne Auswahl an Speisen zu bieten. Gemeinsam wälzten wir alle Kataloge der Firmen, von denen die Lebensmittel für die Jugendburg Sensenstein bezogen wurden, immer mit Blick auf den Eiweißgehalt. So entstand ein bunter kindgerechter Speiseplan für die ganze Woche.

    Nachdem wir uns aus der Küche verabschiedet hatten, nahmen wir gleich die Chance wahr, einmal am hauseigenen Kiosk zu schauen, was es denn so zu Kaufen gab. Da hier die Auswahl an Schnuckzeug mit wenig Eiweiß ziemlich groß war, entschieden wir uns dafür, nichts zum Naschen von zu Hause mitzugeben.

    Mit Renés Klassenlehrerin vereinbarten wir, dass sie Waage, Aminosäurenmischung und das Handy mit dem Ernährungsprogramm in ihrem Zimmer aufbewahrte und nach den Mahlzeiten dafür sorgte, dass er in Ruhe seinen „Zaubersaft“ zubereiten und trinken konnte und die abgewogenen Lebensmittel im Ernährungsprogramm eintragen konnte.

    Eine große Tasche für die Küche wurde vorbereitet, hier war alles drin, was noch gebraucht wurde: eiweißarmes Brot, Nudeln, Mehl für die Pfannkuchen, selbstgebackene Muffins für den „Nachmittagskaffee“ und Brotbelag. Dazu hatte ich mit René noch einen Plan ausgearbeitet, in dem wir grob festlegten, wie Frühstück und Abendessen aussehen sollten. Heute glaube ich, das diente mir als Mutter zur Beruhigung, denn René wusste ja schließlich selbst, dass er kein Nutella frühstücken dürfte, wenn es an diesem Tag zum Mittagessen für ihn einen Teller Pommes Frites und Salat geben sollte.

    Beruhigt und zufrieden verabschiedeten wir uns dann an einem Montagmorgen im Oktober am Bus vor der Schule. Da wir uns wirklich gut vorbereitet hatten, konnte ja nichts schiefgehen, aber das Gefühl, das ich damals hatte, als unser älterer Sohn ohne PKU auf Klassenfahrt war, war doch ein anderes gewesen.
    Ich beschloss, nicht anzurufen und zu fragen, ob alles gut geht und war schon bald ziemlich entspannt.
    So konnte ich nach einer Woche einen gut gelaunten, etwas heiseren und ziemlich kaputten Sohn wieder in die Arme schließen. Seinem Bruder hat er eine Schnucketüte vom Kiosk mitgebracht.

    Ohne diese gründliche Vorbereitung wäre diese Klassenfahrt sicherlich nicht so gut verlaufen, da bin ich mir sicher. Zumal es eine Sache gab, die mir in dieser Angelegenheit sehr, sehr wichtig war: Der Spaß und die Erlebnisse auf der Klassenfahrt sollten durch die Ernährung und die PKU-Diät auf keinen Fall beeinträchtigt werden und ich denke, das ist in diesem Fall gut gelungen.
    Insgesamt war am Ende klar, dass auch mit einer PKU Vieles möglich ist – wenn auch mit etwas mehr Aufwand. Auch für uns als Eltern gab es eine neue Erfahrung. Die anfänglichen Unsicherheiten in Bezug auf die Küche, aber auch auf den gesamten Verlauf erwiesen sich im Nachhinein als etwas übertrieben. Somit können wir allen Eltern, deren PKU-betroffenes Kind vor der ersten Klassenfahrt steht, dazu ermuntern, dieses große Ereignis gut vorzubereiten und mit dieser Vorbereitung dem Kind und allen Beteiligten, aber auch sich selbst zu vertrauen.

    Im Sommer steht übrigens die nächste Klassenfahrt an und nach den Erfahrungen auf der Jugendburg Sensenstein bin ich sehr gespannt, wie diese verläuft, mit neuen Lehrern und mit einem neuen Küchenteam.

    Anja Gall

    Quelle
    Artikel: Die erste Klassenfahrt
    Zeitung: DIG-PKU Pheline 01/2013
    Autor: Anja Gall

    833 times read

Comments 1

  • Arne -

    Ganz, ganz toll! Danke für diesen schönen Bericht. Er macht viel Mut. Habe eine Gänsehaut beim Lesen bekommen. Ich kann nur sagen Familie Gall ist ein wirklich super Team. Wirklich VORBILDLICH!!!